Historie

Hilfe in der Not
Das Sozialwerk des Sports in Nordrhein-Westfalen

Wann und wo immer Menschen Sport treiben, ist das leider auch mit dem Risiko von Verletzungen und Unfällen verbunden. Ein Sportunfall ist an sich nichts Schlimmes, die anschließende Heilung vorausgesetzt, wenn er für den Einzelnen nicht zu einer ökonomischen Notlage führt. Das wurde zwar bereits in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts erkannt, doch eine allgemeine Versicherung bei Sportunfällen gab es nicht. Gerade deshalb ist die Gründung der Sporthilfe e.V., damals als Sozialwerk des LandesSportBundes Nordrhein-Westfalen, nach dem Zweiten Weltkrieg von einer beispielhaften Bedeutung.

Schwieriger Beginn

„Wir betraten mit der Sporthilfe e.V. völliges Neuland“, erklärte Hugo Grömmer rückblickend. Er war sicherlich die treibende Kraft bei der Gründung des Vereins Sporthilfe am 16. November 1947 anlässlich einer Tagung des LandesSportBundes Nordrhein-Westfalen in Gelsenkirchen. Bis dahin wurde viel Vorarbeit geleistet. Bereits im Juni 1946 trafen sich Vertreter des Zonensportrates der britischen Besatzungszone in Köln und besprachen unter anderem die „Angelegenheit Sporthilfe“. Für Grömmer, den damaligen Sekretär des Zonensportrates und späterem ersten Vorsitzenden der Sporthilfe e.V., stand fest: „Wir müssen eine eigene Versicherung aufbauen“. Wurde jedoch damals über die Sporthilfe gesprochen, so meinte man vor allem die „Sportheilstätte Lüdenscheid-Hellersen“. Denn im dortigen Kreiskrankenhaus, einem früheren Lazarett, gab es Einrichtungen und Ärzte, die für die Behandlung von Sportunfällen erforderlich waren. Nach Verhandlungen mit H. Grömmer erklärte sich die Klinikleitung bereit, im Haus 4 Sportverletzte aufzunehmen. Am 16. Oktober 1946 trafen die beiden ersten Sportler in Hellersen ein. Sie konnten als Leistung der Sporthilfe die kostenlose und fachgerechte Behandlung in Anspruch nehmen. Der tägliche Pflegesatz betrug sechs Reichsmark! Zu diesem Zeitpunkt entwickelte sich die Sporthilfe bereits zu einer Einrichtung des Sportverbandes NRW, wie der LandesSportBund anfänglich hieß, weil die Vertreter der anderen Regionen (Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen) nach und nach wegen anderer Interessen ausschieden.

In ihrer ersten Satzung vom 16. November 1947, bis dahin wurden schon 211 Sportler in Hellersen behandelt, werden die Ziele der Sporthilfe bereits konkret benannt:

„Zweck des Vereins ist die Unterhaltung der ‚Sportheilstätte’ in Hellersen. In dieser Heilstätte werden alle sportverletzten Kameraden und Kameradinnen, die einem Turn- oder Sportverein angehören, behandelt und wieder dem Arbeitsprozess bzw. dem Sportbetrieb zugeführt.“

Finanzielle Sorgen

Zum ersten Vorsitzenden der Sporthilfe wurde Hugo Grömmer, zum Geschäftsführer Alfred Hagemann und zum Beisitzer Artur Ackermann gewählt. Mitglied der Sporthilfe konnte jeder „Sportbund-Sportverband, Turn- und Sportverein werden“. Zunächst wurden die Verbände/Vereine verpflichtet, 1 % der Spieleinnahmen an die Sporthilfe zu deren Finanzierung abzuführen. Ab dem 29. November 1949 wurde ein Zuschlag von fünf Pfennig („Sportfünfer“) auf alle Sportveranstaltungen erhoben. Dieser Sportfünfer sollte anschließend nach Hellersen gehen. Allerdings nahmen es die Verbände und Vereine damit nicht so genau. Die Konsequenz war ein chronischer Geldmangel der Sporthilfe, ein Zustand, der sich erst viel später ändern sollte. Die Kassen waren 1948 so leer, dass selbst die Schließung der Sportheilstätte in Betracht gezogen wurde. Sporthilfe-Geschäftsführer Hagemann bezifferte in dem Jahr der Währungsreform den Bestand auf 4.000 DM, nötig waren jedoch DM 19.350,-  pro Monat. Hilferufe und Bittbriefe führten zu dem Erfolg, dass der Westdeutsche Fußballverband finanziell in die Bresche sprang und personell mit drei Vertretern in den erweiterten Vorstand der Sporthilfe einzog.  Erwähnenswert ist auch das Engagement von Hugo Rüngener, dem ersten Sportreferenten der Landesregierung Nordrhein-Westfalens in Düsseldorf. Er sorgte dafür, dass die sozialen Einrichtungen des Sports in der Trägerschaft des LandesSportBundes und der Sporthilfe mit Landesmitteln ausgestattet wurden. Dabei hatten die Jugendaktivitäten Vorrang.

Die Sportheilstätte Hellersen verfügte erst über fünfzig Betten, die bis 1949 auf 120 erweitert wurden. Gleichwohl zeigten sich die Krankenkassen immer noch nicht bereit, für die Behandlungskosten eines Sportunfalls in Gänze aufzukommen. Dennoch, oder gerade deshalb, erweiterte die Sporthilfe ihre Leistungen, wenn auch mit einem „anderen Gesicht“. Werner Schöneborn wurde am 30. Juli 1949 zum Geschäftsführer der Sporthilfe berufen. In den Vorstand wurde auch Georg Geilenberg gewählt, Geschäftsführer des Westdeutschen Fußballverbandes.

Drei starke Säulen

In diesem Jahr wurde die „Unfallzuschuss-Kasse“ eingeführt. Sie gewährte auf Antrag schnell und unbürokratisch Zuschüsse zum teilweisen Ausgleich eines Sportunfalls und deren Folgen (z.B. Verdienstausfall). Von 1953 bis 1957 wurden an die Unfallzuschusskasse durchschnittlich 387 Anträge gestellt, davon neunzig Prozent aus dem Fußball. Die Zahlungen stiegen kontinuierlich an, von DM 38.924,00 auf DM 105.863,00 im Jahr 1957. Nicht nur die Ausgaben, auch das Image der Sporthilfe verbesserte sich in dieser Zeit zunehmend. Bis zum Jahr 1950 versicherten sich nur einzelne Vereine freiwillig bei verschiedenen Versicherungen. Die Beiträge waren recht unterschiedlich und die Auszahlungen von Leistungen oft mit erheblichen Komplikationen verbunden. Dieses Dilemma der Unsicherheiten im Versicherungsbereich wurde von der Sporthilfe erkannt. Am 15. April 1950 kam es zum Abschluss eines Vertrages der Sporthilfe mit dem Kölner Versicherungskonzern Gerling. Er beinhaltete eine obligatorische Sportunfallversicherung für alle im LandesSportBund zusammengeschlossenen Verbände und Vereine. Fortan zeigt die Sporthilfe modernere, sozialere Konturen. Denn nunmehr steht das damals in Deutschland einzigartige Sozialwerk auf drei Säulen.

  • obligatorische Versicherungen bei Sportunfällen,
  • Sportheilstätte Hellersen,
  • Unfallzuschusskasse.

Natürlich brachten die erweiterten Leistungen der Sporthilfe zum wiederholten Mal eine Finanzierungsdiskussion. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen wie die Privaten verharrten weiter in ihrer ablehnenden Haltung, für einen Sportunfall einzutreten. Das veranlasste Sporthilfe-Vorstandsmitglied Geilenberg dazu, einen für großes Aufsehen erregenden Artikel zu veröffentlichen. Unter dem Titel „Verbrecher, Säufer, Sportler und Rauschgiftsüchtige... sagen die Krankenkassen“, kritisierte er den Ausschluss der Leistungspflicht der Kassen bei einem Sportunfall.

Ein Jahr nach dem Abschluss des Vertrages Sporthilfe-Gerling wurde jeder Verein verpflichtet, einen Versicherungsanteil an der Prämie pro Mitglied und Jahr von 35 Pfennig zu zahlen. 1952 wurde anstelle des „Sportfünfer“ ein „Sportgroschen“ erhoben, wenn der Eintrittspreis einer Sportveranstaltung über DM 1,50 lag.  Nicht nur, aber auch zur besseren Kontrolle der Sportgroschen-Abgaben und zur Begleitung der sozialen Frage auf der Vereinsebene, rief die Sporthilfe Sozialausschüsse mit Kreissozialwarten vor Ort ins Leben. Später wurden die Sozialkreise an die Organisationsform der Stadt- und Kreissportbünde angeglichen, was zu einer guten und fruchtbaren Zusammenarbeit von Sporthilfe und SSB/KSB führte. In den fünfziger Jahren aber gestaltete sich die Kommunikation mit den Vereinen trotz Sozialwarte weiterhin schwierig. Kaum ein Verein rechnete ordentlich ab; gleichzeitig stieg jedoch die Anzahl der Sportunfälle ständig an. 1951 gab es knapp 13.500, 1952 gut 16.600 und 1954 bereits über 17.300 der Sporthilfe gemeldete Sportunfälle.

Von einer Heilstätte zum Sportkrankenhaus

Solche Zahlen forderten zwangsläufig den Ausbau der Sportheilstätte Hellersen, die noch immer als eine Art Provisorium im Haus 4 des Kreiskrankenhauses in Lüdenscheid-Hellersen untergebracht war.  Zunächst einmal, genau am 5. November 1952, wurde ein Namenswechsel vollzogen. Die Sportheilstätte nannte sich nunmehr Krankenhaus für Sportverletzte Hellersen. Der Grund: Einige Krankenkassen hatten bei der Bezeichnung „Behandlung in einer Heilstätte“ oder „Heilstättenbehandlung“ den Leistungsschutz verweigert. Anschließend wurde das Krankenhaus kräftig modernisiert. Eine neue Küche, ein Aufzug und eine Badeabteilung wurden gebaut, ein Röntgengerät angeschafft, später kam ein Schwesternheim hinzu. Die Badeabteilung mit Unterwassermassage, insbesondere bei Kniegelenkverletzungen, bewährte sich bestens. Zahlreiche berühmte Oberligaspieler ließen sich hier behandeln. Das Fachpersonal wurde aufgestockt, um den „Andrang“ der Sportverletzten zu bewältigen. Allein über 1.000 Patienten ließen sich im Jahr 1954 in Hellersen stationär behandeln. Von 1955 bis 1962 richtete das Krankenhaus zur Entlastung sogar zusätzlich eine Ambulanzstelle in Duisburg ein.

Verletzungsreichste Sportart war der Fußball, achtzig Prozent der in Hellersen behandelten Sportler kamen direkt vom Fußballfeld. Seit 1951 gab es durchschnittlich 51 Sportunfälle pro Tag. Dennoch war die Verletzungsgefahr beim Sport („Sportliches Unfallrisiko“) mit einem Prozentsatz von 0,025 % sehr gering, wie der LandesSportBund 1953 untersuchen ließ. In Hellersen jedoch spürte man davon nur wenig. Die Durchschnittsbelegung betrug 104 Patienten pro Tag bei 120 Betten, eine Auslastung, die weit den Durchschnitt überragte. Die ärztliche Leitung des Krankenhauses für Sportverletzte lag bis 1958  bei Dr. Dunkel. Er wurde von Dr. Hagedorn als Chefarzt abgelöst, von dem sich der Vorstand unter anderem mehr Profilierung im sportwissenschaftlichen Bereich versprach. Hugo Grömmer, der Sinnstifter der Sporthilfe, schied bei gleichzeitiger Ernennung zum Ehrenvorsitzenden als Vorsitzender der Sporthilfe aus. Ab dem 10. August 1958 trat nun der durchsetzungsstarke Georg Geilenberg an seine Stelle.

Neuigkeiten im Versicherungswerk

Nicht nur im Krankenhaus, auch im Versicherungswerk mit dem Gerling-Konzern tat sich in den fünfziger Jahren einiges. Manche sprachen gar von einer Zäsur. Die Versicherung gewann ein starkes Profil durch das Erreichen von Leistungsverbesserungen wie beispielsweise die Ortswegeversicherung, die Ausdehnung des Versicherungsschutzes ohne jede geographische Begrenzung und die Aufnahme einer Haftpflichtversicherung.
Am 1. Februar 1958 fällte das Bundessozialgericht ein Grundsatzurteil, wonach der Sportunfall eine unverschuldete Krankheit ist, für die die Sozialversicherungsträger leistungspflichtig sind. Dieses Urteil verbesserte ganz entscheidend die finanzielle Basis der Sporthilfe. Um die Konsequenzen dieses Urteils den Verbänden und Vereinen näher zu bringen und über die sonstigen Aktivitäten zu informieren, brachte die Sporthilfe ab dem Jahr 1958 die Zeitschrift mit dem Titel „Der Sozialwart“ heraus.

Weiterhin war das Aufkommen aus dem Sportgroschen angesichts der großen Anzahl der Sportveranstaltungen in Nordrhein-Westfalen höchst unbefriedigend. Auch die Zentralisierung des Einzugs im Jahr 1959 konnte nicht als Erfolg gelten. Für welche Veranstaltungen der Sportgroschen zu erheben war, erschien regelmäßig in „Der Sozialwart“. Dort hieß es:

„Sportgroschenpflichtig sind alle Veranstaltungen (sportliche, gesellige, kulturelle, z.B. Sportveranstaltungen, Vereinsfeste, Stiftungsfeste, Unterhaltungsabende, Karnevalsveranstaltungen, Filmvorführungen usw.). Sammlungen für den Sportgroschen mittels Büchsen, Hut oder ähnlichem sind unstatthaft; der Sportgroschen dient dem großen sozialen Werk an der Gesundheit geschädigter Sportler.“

Nicht jeder las wohl die Zeitschrift der Sporthilfe gleich genau. Denn die Zahlungsmoral der Vereine und Verbände war höchst unterschiedlich. So führte beispielsweise der Westdeutsche Fußballverband 1961 über 1,1 Millionen an die Sporthilfe, der Tanzsportverband hingegen nur DM 14,- ab. Knapp vierzig Prozent der mittlerweile 8.059 im LandesSportBund vertretenen Vereine entrichtete überhaupt keinen Sportgroschen. Um eine größere Unabhängigkeit von dieser Finanzquelle zu erreichen, sah sich die Sporthilfe gezwungen, den Versicherungsprämienanteil zu erhöhen. Im Jahr 1960 stieg der Vereinsanteil auf DM 1,20, drei Jahre später auf DM 1,80 pro Mitglied und Jahr. Die Gelder wurden nicht allein für die Versicherung benötigt. Sie flossen auch in die Unfallzuschusskasse und in die sportärztlichen Untersuchungen.

Neubaupläne für Hellersen

Aber das Krankenhaus für Sportverletzte, immer noch beheimatet im Haus 4 des Kreiskrankenhauses, war in der Zwischenzeit für die Bedürfnisse der Sporthilfe viel zu klein geworden. 1960 betrug die Auslastung 93 % oder 124 Patienten pro Tag bei 140 Betten. Die Bettenkapazität war einfach unterbesetzt. Auch personell war das Fachkrankenhaus für Sportverletzungen nicht gerade üppig besetzt. Dem Chefarzt Dr. Hagedorn standen lediglich der Oberarzt Dr. Barucha, vier Assistenzärzte, 18 Krankenschwestern und vier Pfleger zur Seite. Eine Köchin und eine Beiköchin waren für den gesamten Verpflegungsapparat zuständig.

Am 5. März 1960 beschloss der Vorstand der Sporthilfe den Bau eines neuen Krankenhauses für Sportverletzte in Lüdenscheid-Hellersen, um die räumliche Enge zu beheben. Die Bettenzahl war auf 230 ausgelegt. Mit Hilfe des LandesSportBundes Nordrhein-Westfalen, der seine Unterstützung zusagte, wollte die Sporthilfe ein eigenes 40.000 qm großes Hausgrundstück erwerben.

Das Krankenhaus sollte selbst überwiegend aus Mitteln des Landes finanziert werden. Aber auch der Bund und die Stadt Lüdenscheid stellten Mittel in Aussicht. Das Kostenvolumen bezifferte Geilenberg auf rund 10 Millionen Mark, von denen die Sporthilfe 2,4 Millionen zu tragen hätte. Der erste Grunderwerb, einen Steinwurf vom Kreiskrankenhaus entfernt, schloss sich nur einen Monat nach der Vorstandssitzung an. Die Sporthilfe schrieb einen Architektenwettbewerb aus, den das Frankfurter Architektenbüro Schlempp gewann  - und eine Prämie von DM 5.000 dazu. Dennoch dauerte es bis 1966, ehe die Landesregierung dem Neubau endgültig zustimmte. Am 16. Juni 1966 erfolgte die Grundsteinlegung durch den damaligen Arbeits- und Sozialminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Conrad Grundmann. Nur ein Jahr später war bereits Richtfest. Am 30. Oktober 1967 hielt der Innenminister des Landes und gleichzeitig der Präsident des LandesSportBundes Nordrhein-Westfalen, Dr. Willi Weyer, die Festansprache. Bis dahin führte das Krankenhaus für Sportverletzte bereits mehr als 20.000 Meniskusoperationen durch. Es gab gar eine Warteliste, auf der Hunderte von Sportlern standen, die eine baldige Aufnahme in Hellersen erhofften.

Am 9. Juli 1963 verstarb Hugo Grömmer, mittlerweile Ehrenmitglied des LandesSportBundes und der „spiritus rector“ der Aufbauphase des Sozialwerkes. Auch Schatzmeister Michael Berchem, seit 1950 im Vorstand der Sporthilfe, erlebte nicht mehr die Eröffnung des neuen Krankenhauses. Er starb am 14. November 1966. Berchems Amtsgeschäfte übernahm Dr. Bernhard März. Zu diesem Zeitpunkt gab es für die Sporthilfe nur wenig Grund zur Sorge. Zwar stiegen die gemeldeten Schadensfälle auf über 21.000 an, doch insgesamt sank die Unfallhäufigkeit. Der Grund: Die Mitgliederzahl in den Vereinen entwickelte sich weitaus stärker als die Anzahl der Sportunfälle. Seit 1964 wurde der Unfallbegriff im Sport nach Verhandlungen mit dem Gerling-Konzern deutlich erweitert. „Verrenkungen, Zerrungen und Verreißungen, sofern sie nicht von einer plötzlichen Kraftanstrengung hervorgerufen werden“, waren mitversichert. Eine weitere, äußerst wichtige Leistungsverbesserung trat in dem Jahr 1969 in Kraft. Bis dahin war es üblich, dass Vereinsmitglieder auf Bitten des Vorstandes Aktive und Funktionäre in ihren Privatwagen mit zu Sportveranstaltungen fuhren. Das Risiko eines Sachschadens am PKW trugen dann die Halter alleine. Ab 1969 aber wurden Schäden an mitgliedereigenen Autos mit einer Deckungssumme von DM 5.000,- versichert. Im Jahre 1969 wurden der Sporthilfe genau 24.941 Sportunfälle gemeldet, die Versicherungsprämie für die Vereine ein Jahr später auf DM 1,80 pro Mitglied erhöht. Dies war die erste Anhebung seit zehn Jahren! Die organisierten Sportler erreichte 1971 abermals Leistungsverbesserungen in Bezug auf Todesfälle, Invaliditäten, Heilkosten und Zuschüssen bei Zahnersatz.

Modern und leistungsstark

Nach einer Bauzeit von etwa vier Jahren wurde am 29. Mai 1970 das Krankenhaus für Sportverletzte feierlich und offiziell in Betrieb genommen. Die Festansprache hielt Werner Figgen, der damalige Arbeits- und Sozialminister des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Sporthilfe selbst trug einen Eigenanteil von drei Millionen Mark bei und verfügte damit über Europas modernstes und größtes Krankenhaus für Sportverletzte mit 229 Betten. Zahlreiche technische Neuerungen wie vollklimatisierte Operationsbereiche, Einsatz von Kaltlicht bei Operationen, Computereinsatz in Medizin und Verwaltung galten damals als einmalig. Dazu kamen eine zentrale Wäscherei, eine zentrale Küche, eine Schwimmhalle und eine Farbfernsehanlage. So etwas hatte damals kaum ein anderes Krankenhaus in der Bundesrepublik Deutschland zu bieten. Ein modernes Sozialwerk, als welches sich nun die Sporthilfe im LandesSportBund darstellte, bedurfte auch einer zeitgemäßen Organisationsstruktur. Drei Jahre benötigte die Sporthilfe, ehe sie am 6. November 1970 einen patientennahen Organisationsplan verabschiedete. Auf drei Säulen fußte diese Struktur. Es wurden ein Verwaltungs-Ausschuss, ein Versicherungs-Ausschuss und ein Krankenhaus-Ausschuss eingerichtet. Wesentliche Elemente dieser kollegialen Organisationsstruktur war die dezentrale Verlagerung der Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung. Georg Geilenberg war weiterhin Vorsitzender, Werner Schöneborn wurde am 1. Juli 1970 zum hauptamtlichen Verwaltungsdirektor des Krankenhauses für Sportverletzte berufen. Er prägte übrigens wesentlich die Entwicklung des Sportkrankenhauses. W. Schöneborn wurde oft als „Motor von Hellersen“ bezeichnet, sicherlich eine treffende Beschreibung seiner Verdienste. Mit Weitsicht und Durchsetzungsvermögen, oft auch gegen Widerstände, aber immer mit großem Engagement in ungezählten Arbeitsstunden hat er die Belange des Krankenhauses „verwaltet“. Die strengen Abläufe eines funktionierenden Krankenhaus-Betriebes forderten ihn immer wieder heraus, neben dem täglichen Allerlei auch seine Visionen zu pflegen. Erweiterungen und Verbesserungen am Haus und um das herum, neues technisches Gerät, menschenfreundliche Atmosphäre für die Patienten durch die Sportlerklause und weltweites Interesse von Wissenschaftlern und Forschern für das sauerländische Sportkrankenhaus sind Erfolgszeichen auf einem langen beruflichen Weg.

Notwendige Erweiterungen

Selbst das neu gebaute Krankenhaus in Hellersen stieß schnell an seine Grenzen. 1974 untersuchten die Ärzte knapp 27.500 Personen ambulant, täglich gut 150 bis 180 Sportler. 1975 wurden rund 4.700 Sportler stationär behandelt und 4.050 Operationen durchgeführt. Die Verweildauer betrug im Durchschnitt 15,9 Tage je Patient (Bundesdurchschnitt 17,2) und das Krankenhaus war mit 96,1 % der Kapazität bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit aller Beteiligend laufend belegt (Bundesdurchschnitt 84,1 %). Die häufigste Verletzung war – und ist immer noch – die Kniegelenksverletzung, insbesondere die Meniskusverletzung. Eingriffe in das Knie wurden über 2.000 mal jährlich in Hellersen durchgeführt – und fast immer erreichte der Sportler wieder seine völlige Sportfähigkeit. Nicht zuletzt dadurch, dass die relativ häufige Behandlung von gleichartigen Sportverletzungen zu einer starken Spezialisierung im Krankenhaus führte. Ständig wurden die Operationstechniken verfeinert und ausgebaut, die Nebeneinrichtungen, wie die Badeabteilung und die Rehabilitation, förderten zusätzlich die aktive Nachbehandlung. Die ständige Auslastung zwang zur Kapazitätsausweitung.

Bereits am 14. Oktober 1977 konnte ein Erweiterungsbau, das sogenannte Haus 2, mit 100 Betten zusätzlich in Betrieb genommen werden. Die Anpassung an veränderte Bedürfnisse der Patienten und an moderne medizinische und therapeutische Erkenntnisse, hatten mit dem Haus 2 vorläufig ihren Höhepunkt erreicht. Manch einer sprach sogar von einem „Hostel“, was da als Erweiterungsbau entstanden war, in Anlehnung an seinen großen, einem Hotel ebenbürtigen Komfort. Inhaltlich brachte das Haus 2 das Prinzip der Gleichbehandlung aller Patienten zum Ausdruck, dem sich die Sporthilfe von Beginn an verpflichtet fühlte. Während in der allgemeinen Medizin das „klassenlose Krankenhaus“ noch heftig diskutiert wurde, war es in Hellersen längst umgesetzt. Die Baukosten von etwa DM 17 Millionen wurden allein aus Mitteln des Sports aufgebracht. Willi Weyer, der damalige Präsident des LandesSportBundes Nordrhein-Westfalen und gleichzeitig Präsident des Deutschen Sportbundes, sprach dafür zurecht den Dank an die 12.500 Sportvereine im Lande Nordrhein-Westfalen aus. Der LandesSportBund selbst spendete Dm 500.000, um das Haus mit einer Röntgenabteilung auszurüsten.

Mittlerweile war der langjährige erste Vorsitzende der Sporthilfe, Georg Geilenberg, am 1. November 1973 verstorben. Sein Nachfolger wurde Fritz Klein, Vorsitzender des Westdeutschen Fußballverbandes. Zum Ende der siebziger Jahre kam Bewegung in die Sporthilfe. In die direkte Nachbarschaft des Krankenhauses für Sportverletzte wurde 1977 die Geschäftsstelle des allgemeinen Sozialwerks verlegt, das bis dahin seinen Sitz in Duisburg hatte. Auch in der Öffentlichkeitsarbeit gab es Veränderungen. Ab dem 1. Juni 1977 stellte „Der Sozialwart“ aus Kostengründen sein Erscheinen ein. Stattdessen überließ der LandesSportBund Nordrhein-Westfalen in seinem amtlichen Organ „lsb“ der Sporthilfe kostenlos zunächst eine, später zwei Seiten. Diese liefen unter der Kopfzeile „Sporthilfe aktuell“. Willi Weyer wurde am 20. Mai 1978 zum neuen Vorsitzenden der Sporthilfe gewählt. Unter seiner Ägide, die bis zu seinem Tod im Jahre 1987 dauern sollte, baute das Krankenhaus für Sportverletzte seinen längt erworbenen internationalen Ruf weiter aus. Im Laufe des Jahres 1980 wurden im Krankenhaus für Sportverletzte 6.327 Patienten aus dem In- und Ausland stationär und 36.577 ambulant behandelt. Dafür waren insgesamt 279 Mitarbeiter im Einsatz. Die Verweildauer betrug 1982 im Durchschnitt 16,5 Tage, der Aufenthaltstag kostete genau 158,75 DM. Von den im Landeskrankenhaus-Bedarfsplan anerkannten 306 Betten waren durchschnittlich 280 belegt. Der Ausnutzungsgrad von 91,6 % bedeutete einen Spitzenwert.

Weltweiter Ruf

In einer außergewöhnlichen Mitgliederversammlung am 26. November 1982 gab sich die Sporthilfe eine neue Satzung. Sie war systematischer aufgebaut, inhaltlich um Notwendiges ergänzt und der LandesSportBundsatzung angepasst. Der Jahresbeitrag an die Sporthilfe wird auf DM 1,70 festgesetzt. Das Krankenhaus für Sportverletzungen wurde in Verbindung mit Haus 2 im Jahr 1985 um ein Therapiezentrum erweitert. Allein drei Millionen DM kostete die neue 250 qm große Gymnastikhalle mit den notwendigen Funktionsräumen. Dort wird heute noch die postoperative Behandlung der Patienten mit modernsten Mitteln besorgt. Anfang der achtziger Jahre weist die Krankenhaus-Statistik 5.000 Operationen pro Jahr aus. Dennoch sollte es im Krankenhauswesen keinen Stillstand geben! So setzte sich Willi Weyer mit dem Vorstand ständig für eine bessere personelle Ausstattung und für den Beginn einer sportmedizinischen Forschung ein. „Unser weltweit guter Ruf muss erhalten bleiben“, erklärte der Vorsitzende der Sporthilfe. Kurz nach der Modernisierung wurde der bisherige ärztliche Direktor des Krankenhauses für Sportverletzte Hellersen, Dr. Karl-Heinrich Hagedorn, nach 27-jähriger Tätigkeit in den Ruhestand verabschiedet. Als sein Nachfolger wurde für die  Dauer von zwei Jahren Dr. Roland Droh benannt. Ab sofort gilt in Hellersen das Rotationsprinzip! Fünf Chefärzte werden sich im Laufe der Zeit in dieser Funktion ablösen. Am 10. Juli wurde die symbolträchtige Finanzierungsquelle der Sporthilfe durch Satzungsänderung aufgegeben. Denn ab dem 1. Januar verzichtete die Sporthilfe auf den Sportgroschen. Dafür wurde der Beitrag an die Sporthilfe pro Vereinsmitglied und Jahr  vom gleichen Zeitpunkt an auf DM 2,50 erhöht.

Neuer Vorsitz – neue Verträge

Unter dem Vorsitz von Willi Weyer und vor allem durch den Schatzmeister Willi Haneke als treibende Kraft, wurde 1987 – nach vorausgegangener Ausschreibung – ein Wechsel des Sportversicherungsvertrages vom Gerling-Konzern zur ARAG AG, Düsseldorf, vollzogen.  Das hatte für die Vereine/Verbände weitreichende Vorteile: eine erhebliche Beitragsreduzierung ging einher mit deutlichen Leistungsverbesserungen. Auch an der Spitze der Sporthilfe gab es einen Wechsel. Auf den 1988 verstorbenen Willi Weyer folgte Willi Haneke, gleichzeitig Schatzmeister des LandesSportBundes. Zur Mitgliederversammlung 1991 kandidierte Willi Haneke nicht mehr. Er wurde zum Ehrenvorsitzenden der Sporthilfe gewählt. Der Präsident des LandesSportBundes Nordrhein-Westfalen, Richard Winkels, dankte W. Haneke für dessen Sensibilität für Anliegen der Vereins- und Kreisebene ebenso wie für seine großen sozialen Dienste im Sport. Die Nachfolge von W. Haneke trat Paul Rasche im November 1991 an. Paul Rasche bekleidete dieses Amt bis zu seinem Tod im Februar 2003. Verwaltungsdirektor Werner Schöneborn ging 1989 in den verdienten Ruhestand, um fortan nur noch die ehrenamtlichen Geschäfte der Sporthilfe allgemein auszuüben. Auf Otto Eggeling als Verwaltungsdirektor mit einer zweijährigen Amtszeit folgte Josef Bowinkelmann, der amtierende Schatzmeister des LandesSportBundes Nordrhein-Westfalen. Unter dem Vorsitz von Willi Haneke und Josef Bowinkelmann, als neuer Schatzmeister der Sporthilfe, wurden weitere zukunftsweisende bauliche und andere Maßnahmen vorgenommen, die das Bild des Sozialwerkes immer noch prägen. Haneke erkannte gleich die Defizite in dem Versicherungsvertrag der ARAG. Sein Verdienst ist es – neben zahlreichen anderen -, den ARAG-Versicherungsvertrag im Interesse der Vereine und Verbände erheblich ausgebaut zu haben, bei nochmaliger Reduzierung der Prämie. Vertragsinhaltlich sind die wesentliche Absicherung der Invalidität nach einem Sportunfall und die Erweiterung der Haftpflichtversicherung hervorzuheben. Im Jahr 1992 wurde der Vertrag mit der ARAG abermals erweitert und bis 2004 verlängert, 1997 das Versicherungsbüro der Sporthilfe komplett von der ARAG AG aus organisatorischen Gründen übernommen.

Sporthilfe 2000

Nach den Bestimmungen des Sozialversicherungsvertrages unterliegen die Sportvereine mit ihren hauptamtlichen und unentgeltlich tätigen Beschäftigten der Mitgliedschaft in der Verwaltungsberufgenossenschaft (VBG). Der LandesSportBund hat aus diesem Grund im Jahre 1989 die Sporthilfe e.V. beauftragt, Verhandlungen mit der VBG zu führen und eine vertragsmäßige Grundlage zu schaffen. Ergebnis dieser vertragsmäßigen Grundlage ist unter anderem auch der Abschluss eines Pauschalabkommens, wonach für die unentgeltlich tätigen Vereinsmitarbeiter ein Beitrag von derzeit 0,20 Euro zu zahlen ist.

Die Entwicklung im Sportkrankenhaus ist auch in den letzten Jahren weiter fortgeschritten. So wurde eine Abteilung Sportmedizin errichtet, wo zukünftig auch eine internistische Betreuung erfolgt, der Schmerztherapie wird eine größere Bedeutung zugemessen. Und eine enge Zusammenarbeit im Bereich der sportmedizinischen Betreuung mit dem Olympiastützpunkt Dortmund ist gegeben. Das im Jahr 1985 errichtete Haus 2 wurde 1996 um einen Kommunikationstrakt und zusätzliche Behandlungsräume erweitert. Die „physikalische Therapie“ wird zurzeit nach den neuesten Erkenntnissen umgebaut.

Das Krankenhaus führt eigene Veranstaltungen im sportmedizinischen Bereich durch, die beispielsweise durch Kongresse wie „Biokinetika“ internationalen Ruf erlangen. Nach wie vor bestehen enge Kontakte auf dem Gebiet der sportmedizinischen Forschung mit der FU Berlin, der Sporthochschule Köln und der Fachhochschule Osnabrück.

460 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einem anerkannten Ärzteteam betreuen heute die Patienten des Hauses, wo eine ambulante wie stationäre Behandlung möglich ist. Freizeiteinrichtungen wie Kegelbahn, Minigolf, Café, Restaurant und ein Park schaffen die Grundlagen, dem Patienten einen angemessenen Aufenthalt zu gewährleisten. Dank der finanziellen Unterstützung des LandesSportBundes konnten alle Patientenzimmer mit modernen Fernsehgeräten ausgestattet werden.

Die Vielfalt der Aufgaben, die Neuerungen im Gesundheitswesen und die immer neu auftretenden Herausforderungen veranlassten den Vorstand, gewisse Aufgaben und Zuständigkeiten dem Krankenhaus-, Versicherungs-, Bau- und dem Forschungsausschuss zu übertragen.                                                                   

Das Sozialwerk des LandesSportBundes Nordrhein-Westfalen, die Sporthilfe e.V., mit seinen Säulen Versicherungsschutz und Krankenhaus versteht sich heute wie damals als Solidargemeinschaft aller aktiven und passiven Vereinsmitglieder. Durch ihren Solidarbeitrag gewährleisten sie im Wesentlichen die Leistungen des Krankenhauses und aus dem Versicherungsvertrag. Über 40.000 gemeldete Sportunfälle, über 7.000 stationär und 33.000 ambulant behandelte Patienten pro Jahr zeugen von dieser Leistungsfähigkeit einer Solidargemeinschaft. Ein umfassender Versicherungsschutz sowie eine qualifizierte gute Behandlung und Betreuung im Krankenhaus werden auch Schwerpunkte der zukünftigen Arbeit sein.

Die Sporthilfe e.V., das Sozialwerk des LandesSportBundes, hat nie nur verwaltet, sondern immer auch in den sich wandelnden Zeiten ihrer langjährigen Geschichte vieles gestaltet. Sie ist ein lebendiges Zeugnis der Sportgeschichte im Bundesland Nordrhein-Westfalen und kreativ genug, sich den neuen Aufgaben im Gesundheits- und Versicherungswesen zu stellen. Darauf können die Sportler vertrauen.

 

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